Verantwortung in der Kakao-Lieferkette

Kakao

Verantwortung in der Kakao-Lieferkette

Schokolade ist ein Genussmittel, doch für viele Menschen, die Kakao anbauen, ist er vor allem harte Arbeit für wenig Geld. Seit Jahren stehen Armut, Kinderarbeit und Entwaldung in der Kritik. Dieser Artikel ordnet die Probleme ein und zeigt, welche Regeln und Ansätze es gibt.

Kakaobäuerin bei der Sonnentrocknung der Bohnen
Der Farmgate-Preis entscheidet über Schule, Pflanzenschutz und Jungbäume – nicht das Logo auf der Tafel allein.

Einkommen: das Kernproblem

Ein großer Teil der Kakaobauern in Westafrika verdient weniger als ein existenzsicherndes Einkommen (Living Income), also das, was eine Familie für Nahrung, Wohnen, Gesundheit und Bildung braucht. Gründe dafür sind:

  • kleine Anbauflächen und niedrige Erträge
  • überalterte Bäume, wenig Dünger und Pflanzenschutz
  • lange Zeit niedrige Weltmarktpreise
  • ein geringer Anteil der Wertschöpfung, der im Anbauland bleibt

Fast alle anderen Probleme hängen damit zusammen: Wer zu wenig verdient, kann keine Arbeitskräfte bezahlen, nicht in neue Bäume investieren und rodet eher neuen Wald für mehr Fläche.

Kinderarbeit

Kinderarbeit im Kakaoanbau ist vielfach dokumentiert. Eine im Auftrag des US-Arbeitsministeriums erstellte Studie des Forschungsinstituts NORC an der University of Chicago schätzte für die Saison 2018/19 rund 1,56 Millionen Kinder in Kinderarbeit im Kakaoanbau der Elfenbeinküste und Ghanas. Die meisten davon verrichteten gefährliche Arbeiten, etwa mit Macheten, beim Tragen schwerer Lasten oder beim Umgang mit Pestiziden.

Wichtig ist die Unterscheidung: Leichte Mithilfe im Familienbetrieb, die Schule und Gesundheit nicht gefährdet, gilt nach internationalen Standards nicht als Kinderarbeit. Gefährliche Arbeit und Arbeit, die den Schulbesuch verhindert, dagegen schon. Daneben gibt es Berichte über Zwangsarbeit und Menschenhandel.

Programme wie Child Labour Monitoring and Remediation Systems (CLMRS) versuchen, Fälle auf Farmen zu erkennen und Familien zu unterstützen, etwa mit Schulmaterial oder Einkommensalternativen. Sie erreichen aber nicht alle Betriebe.

Entwaldung

Die Elfenbeinküste und Ghana haben in den vergangenen Jahrzehnten einen großen Teil ihres Regenwalds verloren, und der Kakaoanbau war einer der wichtigsten Treiber. Auch Schutzgebiete sind betroffen. Mit dem Wald verschwinden Lebensräume, und das lokale Klima wird trockener, was wiederum den Kakao schädigt.

Kakaoplantage vor bewaldeter Hügelkette
Neue Flächen am Waldrand sind der ökologische Preis für Menge. Agroforst gilt als schonender, liefert oft weniger kurzfristigen Ertrag.

Als Gegenmodell gelten Agroforstsysteme: Kakao wächst dort zwischen Schatten-, Obst- und Nutzholzbäumen. Das schützt Boden und Pflanzen, fördert die Bestäubung und schafft zusätzliche Einnahmen, bringt aber kurzfristig oft weniger Kakao.

Die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR)

Mit der Verordnung (EU) 2023/1115 dürfen Kakao und Kakaoerzeugnisse, darunter Schokolade, nur noch in der EU verkauft oder aus ihr exportiert werden, wenn sie nicht von Flächen stammen, die nach dem 31. Dezember 2020 entwaldet wurden, und legal erzeugt wurden. Unternehmen müssen dafür unter anderem die Geodaten der Anbauflächen erfassen.

Die Anwendung wurde zweimal verschoben. Nach der Änderungsverordnung (EU) 2025/2650 gelten die Pflichten für große und mittlere Unternehmen ab dem 30. Dezember 2026, für Kleinst- und Kleinunternehmen ab dem 30. Juni 2027. Kritiker bemängeln den Aufwand, vor allem für Kleinbauern ohne Landtitel und Geodaten. Befürworter sehen darin den ersten verbindlichen Hebel gegen Entwaldung.

Lieferkettengesetze

Neben der EUDR verpflichten Sorgfaltspflichtengesetze große Unternehmen, menschenrechtliche Risiken in ihren Lieferketten zu ermitteln und zu verringern. In Deutschland ist das das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), auf EU-Ebene die Richtlinie über die Sorgfaltspflichten von Unternehmen (CSDDD). Beide wurden zuletzt politisch überarbeitet und in Teilen abgeschwächt.

Initiativen der Branche

  • Forum Nachhaltiger Kakao (GISCO): eine deutsche Multi-Stakeholder-Initiative aus Bundesregierung, Süßwarenindustrie, Handel und Zivilgesellschaft
  • Cocoa & Forests Initiative: Regierungen und Unternehmen gegen Entwaldung in Westafrika
  • Unternehmensprogramme großer Hersteller und Verarbeiter
  • Zertifizierungen wie Fairtrade und Rainforest Alliance, siehe Siegel

Nichtregierungsorganisationen wie INKOTA und Südwind veröffentlichen regelmäßig das Kakaobarometer, das Fortschritte und Versäumnisse der Branche kritisch bewertet.

Was Verbraucher tun können

  • Siegel verstehen: Sie verbessern Bedingungen, garantieren aber nicht alles.
  • Transparenz beachten: Hersteller, die Herkunft, Kooperativen und gezahlte Preise offenlegen, lassen sich besser beurteilen.
  • Qualität statt Menge: Wer weniger, aber höherwertige Schokolade kauft, kann einen höheren Preis je Tafel eher tragen.
  • Informiert bleiben: Unabhängige Berichte wie das Kakaobarometer bieten Orientierung.

Anbauflächen und Mengen stehen unter Anbauländer, der physische Weg unter Handel und Transport.

Quellen

  1. NORC at the University of Chicago (2020): Assessing Progress in Reducing Child Labor in Cocoa Growing Areas of Côte d’Ivoire and Ghana
  2. Verordnung (EU) 2023/1115 (EUDR)
  3. Änderungsverordnung (EU) 2025/2650
  4. EU-Kommission / Access2Markets: Umsetzung der EUDR
  5. Forum Nachhaltiger Kakao (GISCO)
  6. INKOTA, Südwind u. a.: Kakaobarometer
  7. BMAS: Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz

Häufige Fragen

Gibt es Schokolade ohne Kinderarbeit?

Eine absolute Garantie kann niemand geben. Rückverfolgbare Lieferketten, höhere Preise und Überwachungsprogramme senken das Risiko deutlich.

Hilft Bio-Schokolade gegen Kinderarbeit?

Bio regelt vor allem Anbau und Pflanzenschutz, nicht automatisch Löhne und Preise.

Ab wann gilt die EUDR?

Für große und mittlere Unternehmen ab dem 30.12.2026, für kleine ab dem 30.06.2027.